Mit dem Boot von Llangollen nach Anderton und Chester


Womit beginnt man am besten einen Reisebericht über einen Bootsurlaub...vermutlich mit dem Boot. Darf ich vorstellen: "Wyre". Nicht das große Weiße - das ist die Fähre, mit der wir von Calais nach Dover gefahren sind, diesmal sogar auf dem Vorderdeck, so wurde unser Auto direkt vom Regen wieder etwas saubergewaschen. Das grüne im nächsten Bild ist die Wyre: knapp 15 m lang mit Schlafmöglichkeit für 4 Personen.
Gerade wenn man zu zweit unterwegs ist, müssen beide in der Lage sein, das Boot zu steuern. Also durfte auch ich dann und wann das Ruder übernehmen. Es dauert eine Weile, bis man sich an die langsame Reaktion des Bootes gewöhnt hat, dann ist es aber kinderleicht. In der Zeit musste natürlich Daniel das Öffnen von Hebebrücken und das Schleusen übernehmen, wobei das Öffnen vom Schleusetor aus nicht nachgeahmt werden sollte! Zum einen, weil das nur geht, wenn die Tore sowieso leicht aufgehen, zum anderen auch nur, wenn die Beine dafür lang genug sind. Aber das ständige Rumrennen an der Schleuse um beide Seiten jeweils zu Öffnen und zu Schließen ist schon ein kleines bisschen anstrengend...
Pontcysyllte Aquädukt Pontcysyllte Aquädukt Pontcysyllte Pontcysyllte Aquädukt
Von Trevor wollten wir zuerst über den Middlewich Kanal zum Anderton Lift. Dazu mussten wir direkt nach dem Losfahren über das Pontcysyllte Aquädukt. Da uns allerdings Boote entgegenkamen mussten wir, kaum dass wir 10 Meter gefahren waren, schon wieder anhalten und warten.
Wie man sieht geht es ganz ordentlich nach unten. Auf einer Seite verläuft der Treidelpfad (betoniert) und auf der anderen gibt es eine dünne Eisenwand, die einen vom Herunterfallen bewahrt. Neben dem Boot etwa eine Handbreit Wasser und je nach Windrichtung wird das Boot gegen die eine oder andere Seite gedrückt.
Da wir das Boot erst gegen 17:00 Uhr abfahrfertig hatten, sind wir an dem Tag nicht mehr weit gefahren. Kurz vor dem Chirk Tunnel haben wir angelegt und sind in den Ort gelaufen, um uns zum einen etwas die Gegend anzusehen und zum anderen noch ein paar Kleinigkeiten einzukaufen (Butter, Milch), die wir aus wettertechnischen Gründen noch nicht erstanden hatten. Chirk ist eigentlich ein sehr niedlicher Ort, zu dem mir neben den schicken Häusern drei weitere Dinge einfallen: ein beeindruckendes Eisentor vor dem Gelände des "Chirk Castles" (aber wir waren immer zu spät für einen Besuch), eine Cadbury Fabrik, bei der es lecker nach Schokolade roch und superleckere Trifles, die wir im dortigen Spar gekauft haben. Diese haben wir nirgendwo sonst gefunden, so dass wir auf dem Rückweg direkt nochmal in Chirk gehalten haben, um uns nochmal 2 Stück nachzukaufen!
Am nächsten Morgen ging es dann zunächst durch den Tunnel und direkt dahinter über ein weiteres Aquädukt, das jedoch bei weitem nicht so lang ist, wie das Pontcysyllte.
Chirk Aquädukt Chirk Aquädukt Enten
Nächster Halt Ellesmere. Primär weil es dort eine Einkaufsmöglichkeit gibt (Tesco), die gerade mal 10 Meter vom Kanal entfernt ist. Wobei man je nach Tag und Uhrzeit ziemlich suchen muss, um einen Platz zum Mooren zu finden. Wir hatten immer Glück. Wer jedoch das kleine Stück nach Ellesmere hineinfährt, muss am Ende des Beckens wenden, was gar nicht so einfach ist, zumal wenn jemand den letzten Mooringplatz belegt hat, der leider genau an der Wendestelle ist.
Ausser dem Tesco gibt es noch zwei, drei andere Gründe, dort Halt zu machen. Da wäre zum einen "Mere" - ein eiszeitlicher See, an dessen Ufer ein kleiner Park ist. Man kann dort rudern, den See umrunden oder sich einfach nur auf einen Bank setzen und bei der Fütterung der Enten und Gänse zusehen. Dahinter erhebt sich ein Hügel, auf dem man unter anderem lustige Steinskulpturen findet. Verläßt man Ellesmere und folgt dem Treidelpfad kommt man noch eine ganze Weile an unterschiedlichen Skulpturen vorbei. Hinter einem Tunnel dann an weiterer See, gerade ein Steinwurf vom Kanal entfernt und beliebter Mooringplatz. Und gerade ein paar Minuten weiter ein noch mal größerer See, in dem man baden kann.
Das schöne am Llangollen Kanal ist die Einsamkeit. Während der ganzen Strecke gibt es mal hier mal da ein Dorf, größere Städte sind jedoch die Ausnahme. Felder und Wiesen prägen das Bild. So findet man auch immer wieder einen ruhigen Platz zum Mooren für die Nacht. Wobei es bei einem dann plötzlich sehr laut wurde. Also hin zu der Quelle des Lärms und wir fanden einen etwas größeren Heckenschneider. Und somit wäre dann auch das Geheimnis der akuraten Hecken im Niemandsland geklärt.
Bei den Grindley Locks (einer 3 stufigen Treppe, die noch eigenes Personal zum Schleusen hat) musste ich einen Test der Schleusenwärter bestehen (wie müssen die drei Becken gefüllt sein, wenn man mit dem Boot nach unten will? - Voll, leer, leer), bevor sie mir halfen. Aber zu dritt geht dann auch so eine Schleusentreppe viel einfacher.
Hedgecutter Hedgecutter Grindle Locks Grindle Locks
Es beeindruckt mich immer wieder, wie deutlich man an den Brücken die Spuren vom Treideln sieht. Teilweise sind die Brücken sogar mit Eisenstäben verkleidet und dennoch schleifen sich dort die Spuren ein. Wenn man allerdings bedenkt, dass viele Kanäle 100 Jahre und mehr genutzt wurden (was ich an sich schon mal unglaublich finde!), erscheint das schon gar nicht mehr so viel.
In Whitchurch haben wir den nächsten Halt gemacht. Das Einkaufen von größeren Mengen Mineralwasser haben wir uns jedoch gespart, da die Innenstadt und auch der Tesco einen ordentlichen Fußmarsch vom Kanal entfernt ist. Aber es hat einen schönen Park und auch die Kirche ist einen Besuch wert. Und wer ein bisschen aufmerksam durch die Straßen läuft, entdeckt das eine oder andere Haus, das noch eine Fassade aus verziertem Eisen hat. Nach dem Stadtbesuch hieß es dann Hebebrücke hochkurbeln - und im Gegensatz zu den dreien davor, war diese hier recht schwergängig.
Bei Wrenbury gab es dann eine automatische "Liftbridge", wobei automatisch nur heißt, dass man nicht selber kurbeln muss ... dennoch muss man ein bisschen was selber tun. Jede dieser Brücken ist leider etwas anders, sie haben allerdings gemeinsam, dass man einen Schlüssel dafür benötigt. Bei dieser hier musste man zuerst den Schlüssel reinstecken, woraufhin ein fürchterliches Fiepen begann und die Ampeln für die Autofahrer rot wurden (was diese allerdings noch nicht so furchtbar gestört hat). Dann musste man die Schrank eigenhändig zumachen und zurück zum Bedienpanel laufen und den Knopf zum Heben der Brücke gedrückt halten. Und wenn man nach ca. 1/2 Minute schon am Verzweifeln ist, setzt sich die Brücke endlich in Bewegung. Boot fährt durch und dann kehrt sich das ganze um: Knopf ewig gedrückt halten, Brücke senkt sich. Wenn die Brücke unten ist schnell rüberflitzen und die Schranke aufmachen, weil die Autofahrer inzwischen auf Seite 5 der Tageszeitung angekommen sind. Dann Schlüssel rausziehen und hoffen, dass das Boot noch in der Nähe ist ;-)
automatic Liftbridge Wrenbury automatic Liftbridge Wrenbury automatic Liftbridge Wrenbury automatic Liftbridge Wrenbury
Durch die vielen Schleusen am Hurleston Reservoir geht es weiter Richtung Middlewich Kanal. Wenn man dort einbiegt, ist es erstmal mit der Idylle vorbei. Mehrere Kilometer lang liegt Boot an Boot. An Mooren ist gar nicht zu denken...
Ist man erstmal an den ganzen Booten vorbei, wird auch die Gegend wieder ansprechender, bis man dann bei Middlewich wieder in einen sehr städtischen Bereich hineinkommt. Immerhin hat man vom Kanal aus eigentlich immer einen Blick in die Gärten, so dass auch dieser Teil von Staus abgesehen recht angenehm zu fahren ist. Biegt man jedoch vom Middlewich Branch ab, wird die Strecke breiter, somit auch die Schleusen und plötzlich hat man viel Zeit, bis sich so eine Schleuse mit Wasser gefüllt hat.
In der Nähe der Kirche kann man mooren und wenn man Vorräte aufstocken möchte, sollte man das auch. Mit wenigen Minuten Fußmarsch ist man an der sehr schönen Kirche und läuft man linksherum an der Kirche vorbei kommt man an einem Tesco-Express vorbei zur Haupteinkaufsstraße. Von dort aus sieht man schon den großen Tesco (ja, tatsächlich nur 5 min von dem anderen entfernt). Außerdem gibt es mehrere Fleischer.
Wo sich der Kanal zwischenzeitlich auf die Breite eines Sees ausdehnt, dienen Pfähle und alte Boote als Hinweis auf versandete Stellen, man sollte sich also nicht zu weit vom Treidelpfad entfernen.
Je mehr man sich Northwich nähert, desto deutlicher werden die Zeugen der industriellen Vergangenheit der Gegend. Da ist das alte, kaum noch lesbare Schild der Lion Salt Works, was schon lange ein Museum ist (vom Kanal aus bekommt man allerdings den Eindruck, dass man bald ein Museum vom Museum machen kann...), wenig später dann eine Anlage, die sehr so aussieht, als würde dort Salz aus Salzsole gewonnen. Ein Großteil der Anlage verfallen, aber ein Rest dampft noch und auf dem Rückweg haben wir tatsächlich eine ganze Reihe Arbeiter herumlaufen sehen. Und zwischen den Industriegebieten niegelnagelneue Häuser und ein paar ältere mit schönen Gärten.
Anderton Lift Anderton Lift Anderton Lift Anderton Lift
Anderton Lift Anderton Lift Anderton Park Anderton Park
Um vom Kanal zum Fluß zu kommen, muss man den Anderton Lift benutzen. Ca. 20 Jahren nach Stillegung wurde er nach Restauration wieder in Betrieb genommen. Am Tag unserer Ankunft in Anderton sahen wir noch, wie ein paar Boote hoch- und runtergefahren wurden. Am nächsten Morgen dann fanden reguläre Wartungsarbeiten statt, so dass wir anstelle den Lift zu benutzen, weiter den Kanal entlang und durch ein paar Tunnel fuhren.
Anderton Park Anderton Park Anderton Park Anderton Park
Wir noch ein bisschen weiter, es gab noch ein Stück, von dem man einen schönen Blick über das Tal haben sollte. Kurz hinter Anderton kamen zwei Tunnel, die wir dafür durchfahren mussten. Und da man vom Tunneleingang das Ende nicht erkennen konnte, gab es Schilder auf denen stand, zu welcher Uhrzeit man von der jeweiligen Richtung durch den Tunnel fahren kann.
Im Tunnel dann hatten wir zusätzlich zum Scheinwerfer auf noch etwas Innenbeleuchtung an, damit man als Fahrer sieht, wo die Ränder vom Tunnel sind. So konnte man auch ganz gut die Tropfsteinhöhlenartigen Gebilde erkennen, wo Kalk nicht als Stalagmit nach unten hängt, sondern durch herunterlaufen sich eher ganze Bänder gebildet haben.
Vor dem Preston Tunnel drehten wir jedoch. Dann ging es dann ganzen Weg zurück nach Middlewich und den Middlewich Kanal und dann Richtung Chester. Dabei fiel uns wieder einmal auf, wie schnell sich das Wetter ändern kann. In einem Moment spielt man in der Sonne Scrabble und nur 5 min später mussten wir fluchtartig ins Boot huschen, weil es uns sonst vom Boot geschwemmt hätte.
Schon von weitem sieht man Beeston Castle. Von Brücke 108 aus ist es dann nur ein recht kurzer Fußmarsch bis zur Burgruine. Das Areal gehört "English Heritage". Wer dort keine Mitgliedschaft hat, muss 6 Pfund (2010) Eintritt zahlen, um sich ein bisschen umzuschauen. Zuerst kommt man in ein kleines Museum mit Shop, in dem man die Geschichte der Burg nachlesen kann (besonders beeindruckend: Nach langer Belagerung konnte ein Abzug ausgehandelt werden. Die "Verlierer" durften Waffen behalten und mit Fahnen die Burg verlassen. Danach entdeckten die "Sieger", dass nur noch für 1 Tag zu essen auf der Burg war, die Katzen hatte man bereits gegessen...).
Von dort geht es einen Hügel hoch und vom Wall in einem Bogen zur eigentlichen Burganlage, von der man eine tolle Sicht hat - bis Chester und Liverpool, die immerhin 22 und 30 Meilen entfernt sind!
Dabei sind uns auch lilafarbene Felder aufgefallen, von denen wir unbedingt wissen wollten, was darauf wächst. Wir haben dann auch ein solches Feld gefunden ... und kurze Zeit später auch einen Footpath zurück zum Kanal, der erst auf schmalem Pfad mitten durch ein Weizenfeld und später immerhin deutlich erkennbarer durch ein Rapsfeld führte.
Beeston Castle Kleefelder Kleefelder Footpath Beeston Castle
Herkulesstaude Herkulesstaude Herkulesstaude Herkulesstaude
Der Kanal nach Chester hielt auch sonst noch einiges an Überraschungen bereit. Da war zum die Herkulesstaude, die größer war als ich und eine Schleuse aus Eisen (sonst sind die Schleusenbecken üblicherweise aus Beton und die Tore aus Holz).
Iron Lock Iron Lock Iron Lock Iron Lock
Jeder weiß, wie viel Wert Engländer auf ihre Gärten legen. Das ist bei den Wassergrundstücken nicht anders, und vom Boot aus bekommt man sehr viele schöne Varianten zu sehen. Insbesondere vor Chester fanden wir sehr viele schöne Gärten.
In Chester sind wir dann durch die Altstadt gebummelt und haben ganz viele Nashörner gefunden, die weitestgehed von einer Schulklasse entworfen wurden. Da waren sehr schöne Exemplare dabei. Kurz vor Ende unseres Rundgangs entdeckten wir dann noch ein paar Jongleure, denen wir von den sog. "Chester Rows" zusahen. Es gibt Läden, die man über eine Treppe nach unten erreicht und eine weitere Reihe Läden, in der ersten Etage. Diese sind durch einen durchgängigen Fußweg erreichbar, von dem Treppen auf die Straße hinab führen.
Wir hatten schon ein paar Tage nicht mehr eingekauft und uns ging langsam das Brot aus. Dazu regnete es noch, so dass wir vor Wrenbury anlegten und den Fußweg in die Stadt nahmen. Wie in England üblich führte dieser über irgendwelche Wiesen - dummerweise war gerade eine Kuhherde dabei, diese zu überqueren und die Kühe schauten uns doch verdächtig neugierig an... Glücklicherweise war bei den meisten der Herdentrieb doch deutlich stärker als die Neugier, so dass sie dann weiterliefen, als wir uns nicht mehr rührten. Nach etwa 5 Minuten gab es eine kleine Lücke die wir ausnutzen, die Wiese endgültig zu überqueren und landeten direkt auf einem Friedhof. Was für ein komischer Ort für einen Fußweg von sonstwo.
Wer Zeit hat (und bei uns war es dann trotz anfänglicher Zweifel so) sollte unbedingt die Mühen auf sich nehmen, und in den Montgomery Kanal fahren. Vom Lllangollen Kanal aus wurden bislang 7 Meilen wiederhergestellt, weitere Stücken sind in Arbeit und 2011 soll wieder ein ganzes Stück fertig werden. Warum ich Mühen sage ... der Kanal ist sehr schmal und man versucht, die Wasserqualität mithilfe der Wasserpflanzen intakt zu halten. Deswegen dürfen pro Tag auch nur maximal 12 Boote in den Kanal reinfahren. Morgens muss man dafür bei British Waterways anrufen und sich anmelden, dann pünktlich bei den Frankton Locks sein, wo dan ein Schleusenwart die Boote über eine 3-stufige Schleusentreppe in und aus dem Kanalstück fahren lässt.
Man kann sehen, wie aufwändig die Ränder des Kanals geschützt werden und vielerorts wächsen die Pflanzen bis an das Boot heran. Wirklich ein sehr schönes Stück mit bezaubernder Landschaft drumherum. Einziger Wermutstropfen: es gibt kaum Stellen zum Mooren. Die vorhandenen reichen zwar aus, aber "wild" am Towpath mooren, wie man es sonst problemlos machen kann, geht hier nicht.
Dafür findet man hier besondere Pflanzen und Tiere. Wer schon mal in England war weiß, wie wichtig der Rasen ist. Hier werden die Rasenmäher nach dem Streifenmuster ausgesucht, was sie im Garten hinterlassen. Nicht lachen, es ist echt wahr! Ich habe einen Rasenmähervergleich in England gesehen und ein Kriterium war tatsächlich, wie deutlich die Streifen herauskommen. Umso spannender jetzt zu sehen, dass es auch Schafe gibt, die Streifen in den Rasen futtern ;-)
Blick vom Llangollen Kanal Engstelle vor Llangollen Treideln
Der Weg von Trevor nach Llangollen ist sehr schön - vorausgesetzt man schafft es, nicht im Pulk mit hundert anderen Booten zu fahren. Die Landschaft ist deutlich hügeliger als in der anderen Richtung und es gibt einige Engstellen zu überwinden, wo nur an gekennzeichneten Ausweichen überholt werden kann. Auf einem Stück gibt es dann nicht mal die...
Ansonsten ist Llangollen eine niedliche kleine Stadt, die vielleicht ein klein bisschen überlaufen ist. Man kann sich mit einem Boot treideln lassen, mit einer Dampflok fahren oder einfach nur durch die Straße schlendern und in die vielen Bäckereien reinschauen.
Brücke
Hochzeitsautos